Herr Amenda, die Inflationsraten steigen weiter. Wäre es Ihrer Ansicht nach nun nicht an der Zeit, dass die Notenbanken die Niedrigzinsphase beenden?
Die großen Notenbanken haben sich dazu unterschiedlich positioniert. Insgesamt hat der Zinsdruck nach unten nachgelassen. Es lässt sich eine Tendenz erkennen, dass die Zinsen steigen werden – aber nur langsam. Solange die konjunkturellen Belastungen durch die Pandemie anhalten, dürften die Notenbanken bei ihrer Linie bleiben, die wirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen.
Somit dürften sich die Verbraucherpreise weiter verteuern oder zumindest auf hohem Niveau bleiben.
Mit welchen möglichen Auswirkungen?
Solch hohe Inflationsraten, wie wir sie aktuell erleben, liegen für uns schon längere Zeit zurück. Zwar waren die höheren Inflationsraten erwartet worden. Sie kamen mit Ansage, wurden aber bislang als vorübergehendes Phänomen behandelt. Eine solche Sichtweise lädt jedoch dazu ein, keine Gegenmaßnahmen in Erwägung zu ziehen. Meiner Ansicht nach dürfen die hohen Raten keineswegs unterschätzt werden.
Erwarten die Marktakteure noch für längere Zeit hohe Inflationsraten?
Es ist schwierig einzuschätzen, wie sich die Inflationserwartungen, also die Einschätzung der künftigen Inflationsentwicklung, darstellen werden. Aber genau diese Inflationserwartungen beeinflussen in der Regel die weiteren Aktionen von Marktteilnehmern. Möglicherweise haben die Marktakteure eine höhere Inflation in ihrer weiteren Preissetzung bereits einkalkuliert, und diese Entwicklung nimmt einen spiralförmigen Verlauf.
Was hätte eine solche Entwicklung zur Folge?
Erwarten alle Akteure stark steigende Preise, werden viele ihre geplanten Käufe vorziehen – denn je länger sie warten, desto höher die Preise. Mit der erhöhten Nachfrage ziehen in der Regel die Preise an. Die Inflationserwartungen beeinflussen letztendlich tatsächlich die Inflation. Die Inflation nährt sich somit selbst.