Herr Amenda, der Internationale Währungsfonds (IWF), eine supranationale, überparteiliche und sehr renommierte Institution, hat Deutschland als einziges entwickeltes Land ein negatives Wirtschaftswachstum für dieses Jahr prognostiziert. Viele andere entwickelte Länder hingegen dürften ein positives Vorzeichen vorweisen. Was bremst die Konjunktur in unserem Land?
Die Einschätzung des IWF deckt sich zum einen mit der weithin geteilten Vermutung, dass Deutschland relativ schlecht aus der Pandemie herausgekommen ist. Außerdem hat Deutschland weiterhin schwer am doppelten Ausstieg aus Kernkraft und fossilen Energien zu kämpfen und ist vom Krieg in der Ukraine stärker betroffen als andere. Überdies hatte Deutschland als klassische Exportnation unter den Störungen der internationalen Lieferketten und der daraus bedingten erhöhten Lagerhaltung deutlicher zu leiden als andere Länder. Da ist einiges zusammengekommen.
Hat der Standort Deutschland an Attraktivität verloren?
Was man nicht unterschätzen darf: Die Diskussionen um das Gebäudeenergiegesetz hatten eine negative Abstrahl- und Fernwirkung. Auch die jüngst hohen bekannt gewordenen Subventionen, um Halbleiterunternehmen nach Deutschland zu locken, erwecken den Eindruck, ohne Subventionen kommt keine relevante Industrie mehr freiwillig nach Deutschland. Hier in München sehen wir aber beispielsweise, dass sich Apple, Amazon und Microsoft in größerem Stil angesiedelt haben, auch wenn die Standortentscheidungen dafür wohl schon eine gewisse Zeit zurückliegen dürften.
Sehen Sie eher eine temporäre oder eine dauerhafte Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands?
Der Internationale Währungsfonds hat die Konjunkturschwäche im laufenden Jahr thematisiert. Viel entscheidender ist aber die längerfristige Perspektive. Mit Blick darauf verfügt der Standort Deutschland über zentrale positive Eigenschaften: gut ausgebildete Fachkräfte und eine intakte öffentliche Infrastruktur, um nur zwei Beispiele zu geben. Richtig ist aber auch: Die Energiepreise sind hoch und dürften wohl weiter steigen, und die Inflation hält sich hartnäckig.
Kann Deutschland künftig im Wettbewerb wieder in der oberen Liga mitspielen?
Viele Faktoren sind kaum vorhersehbar: Die geopolitischen Unsicherheiten haben tendenziell zugenommen, bürokratische oder politische Entscheidungen können ebenfalls den Unternehmenserfolg wesentlich beeinflussen, zum Teil auch in einer Weise, die sehr schwer zu prognostizieren ist. Künftige politische Entscheidungen, auch in Abhängigkeit von Wahlentscheidungen oder dem gesellschaftlichen Stimmungsbild, lassen sich nur schwer ermitteln.
Was heißt das für den Anleger?
Es dürfte riskanter werden, auf einzelne Titel zu setzen. Deswegen sehen wir Investmentfonds als das Mittel der Wahl für langfristige Anlageentscheidungen. Eine breite Mischung und Streuung nivelliert das Einzelwertrisiko, ein professionelles Fondsmanagement beschäftigt sich nahezu rund um die Uhr mit der Wertanlage. Das entlastet den Anleger, der seine Freizeit anderweitig genießen kann.