Wie schätzen Sie die aktuelle Situation an den Aktienmärkten ein?
Die Aktienmärkte befinden sich weltweit im Höhenflug. Nicht nur US-Indizes wie der S&P 500 erreichen neue Höchststände, auch Europa hat deutlich zugelegt: Der DAX hat die Marke von 26.000 Punkten überschritten, Euro Stoxx 50 und Stoxx Europe 600 liegen ebenfalls auf Rekordniveau und haben im laufenden Jahr bereits zweistellige Zuwächse verzeichnet.
Ist der aktuelle Boom also nicht länger auf die USA beschränkt?
Die Annahme, dass vor allem US-Aktien wegen des KI-Booms gefragt sind, greift zu kurz. Auch europäische Unternehmen profitieren, wie die aktuelle Berichtssaison zeigt. Im zweiten Quartal melden europäische Unternehmen höhere Umsätze, kräftig steigende Gewinne im Vergleich zum Vorquartal und übertreffen vielfach die Erwartungen der Analysten. Die Unternehmen haben Kosten und Margen besser im Griff als erwartet.
Handelt es sich dabei nur um einzelne Ausreißer oder ist der Aufschwung breiter angelegt?
Der Aufschwung ist zunehmend breit angelegt. Selbst ohne den sehr starken Energiesektor verbleibt ein zweistelliges Gewinnplus. Damit erreichen europäische Unternehmen die höchste Wachstumsrate – auf Quartalssicht – seit über drei Jahren. Auch Branchen, die zuvor schwächer waren, zeigen inzwischen eine deutliche Verbesserung.
Wie wirkt sich der KI-Boom konkret auf die europäischen Unternehmen aus?
KI ist ein starker zusätzlicher Treiber bei europäischen Branchen und Unternehmen, die von der enormen Investitionswelle in Rechenzentren und KI-Infrastruktur profitieren. Der europäische Technologiesektor zählt zu den stärksten Sektoren des Gesamtmarktes. Gleichzeitig wirkt KI zunehmend auf der Kostenseite: Viele Unternehmen nutzen KI bereits in der Softwareentwicklung, im Kundenservice und in anderen internen Prozessen. Das verbessert die Margen und der Beitrag zum Produktivitätswachstum dürfte in den nächsten Jahren erheblich sein.
Mit welcher Entwicklung rechnen Sie in den kommenden Monaten?
Der Blick nach vorne fällt positiv aus. Analysten heben ihre Gewinnschätzungen für zyklische Branchen an. Selbst bei den angeschlagenen Autoherstellern werden für das zweite Halbjahr deutlich bessere Ergebnisse erwartet. Die Prognosen für europäische Aktien liegen nochmals höher. Auch für 2027 werden in Europa deutlich steigende Unternehmensgewinne erwartet.
Welche Chancen ergeben sich für unsere Anleger mit Blick auf Europa im Vergleich zu den USA?
Zwar wachsen die Unternehmensgewinne in den USA derzeit schneller als in Europa. Doch europäische Dividendentitel holen auf und sind derzeit deutlich günstiger bewertet – bei gleichzeitig höheren Dividendenrenditen.
Entscheidend bleibt jedoch das Zinsumfeld. Sollte der Konflikt zwischen den USA und dem Iran ungelöst bleiben und die Ölpreise erneut deutlich steigen, könnten höhere Zinsen die Stimmung an den Aktienmärkten belasten. Insgesamt zeigt sich jedoch: Europa und insbesondere Deutschland holen auf.