Herr Amenda, Kohle, Stahl, Textil – die Produktion wurde aus Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ins Ausland verlagert. Wie geht es Ihrer Ansicht nach mit der deutschen Industrie und insbesondere mit dem Automobil sowie Chemiesektor vor dem Hintergrund, dass die USA und China Interessen zugunsten ihrer heimischen Unternehmen verfolgen, weiter?
Die Herausforderungen sind bekannt. Die USA handeln entschlossener, wenn sie die Notwendigkeit dafür sehen, die heimischen Unternehmen und die inländische Arbeitsnachfrage zu stützen. Die Länder der europäischen Staatengemeinschaft hingegen müssen sich zuerst abstimmen und eine gemeinsame Antwort finden. Das wirkt bisweilen zögerlich. Gleichzeitig sehen wir, dass die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung nicht nur zu Effizienz- und Spezialisierungsgewinnen führt.
Sondern?
Die Verflechtung mit anderen Wirtschaftsräumen geht auch mit Abhängigkeiten einher, die in manchen Situationen schmerzlich bewusst werden. Nämlich dann, wenn Lieferketten unterbrochen oder Marktzugänge erschwert werden.
Wo sehen Sie vor diesem Hintergrund Handlungsbedarf?
Gerade die deutsche Industrie ist seit jeher sehr exportorientiert und weiß um diese gegenseitige Abhängigkeit. Ob die Last der Anpassung auf veränderte Rahmenbedingungen allein von den Unternehmen getragen werden muss oder ob hier eine politische Unterstützung im allgemeinen Interesse erwünscht ist, muss am Ende die Politik entscheiden.
Kann Europa überhaupt mit gleicher Kraft dagegenhalten, wenn globale Supermächte ihre Industrien schützen und unterstützen?
Die USA haben mit dem „Inflation Reduction Act“ und dem „Chips and Science Act“ wirkungsvolle Instrumente geschaffen, ihre heimische Industrie zu fördern oder zu unterstützen. Allerdings gehören dazu auch in den USA produzierende Unternehmen mit deutschen Zentralen, sofern sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Es geht dabei aber nicht nur um Arbeitsplätze in den USA, sondern auch um existenzielle Zukunftstechnologien, eine dezidierte Forschungsförderung und die Transformation der Energiewirtschaft.
Fehlen solche Instrumente in Europa?
Dies sind alles Themen, die auch bei uns nicht nur diskutiert, sondern ebenfalls gefördert werden. Gleichwohl gibt es Unterschiede in der Förderung oder Bevorzugung in den USA, China oder Europa. Das Thema „Level Playing Field“, also gleiche Voraussetzungen im Wettbewerb, wird heftig diskutiert. Und mit den neuen Herausforderungen kommen nicht alle Unternehmen gleich gut zurecht.
Was heißt das für Sie im professionellen Fondsmanagement?
Auch für uns ist dieses Umfeld sehr herausfordernd. Auf der einen Seite beobachten wir die geopolitischen beziehungsweise geostrategischen Faktoren, wie eben die Industriepolitik in den USA, die Antwort der Europäer, und dies wiederum mit Blick auf geopolitische, auch territoriale Ambitionen der USA und China. Auf der anderen Seite sehen wir bei den Megatrends neue Entwicklungen, zum Beispiel die aktuelle Diskussion um „Machine Learning“ und künstliche Intelligenz vor dem Hintergrund von ChatGPT.
Wie beeinflussen diese Faktoren Ihre Entscheidungen im Fondsmanagement?
Politische Faktoren haben wir immer auf dem Schirm. Wir analysieren alle Einflussfaktoren in ihrer Gesamtheit. Was bedeutet dies für die Geschäftsmodelle von Unternehmen? Wie kommen die einzelnen Unternehmen damit zurecht, wie passen sie sich an? Dies gilt es dann auf die Portfoliokonstruktion und Titelselektion herunterzubrechen.
Wir haben stets alles im Blick und treffen fundierte Entscheidungen, um unseren Auftrag gegenüber unseren Kunden allzeit bestmöglich umzusetzen.